Audre Lorde: „Du kannst nicht das Haus des Herren mit dem Handwerkszeug des Herren abreißen“

Audre Lorde 1980. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Audre_Lorde

Audre Lorde im Jahr 1980.

Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft öfter Zitate aus Büchern zu veröffentlichen, so wie ich es hier bereits getan habe. Das erste Zitat auf meinem neuen Blog ist ein Auszug aus Audre Lordes Text: Du kannst nicht das Haus des Herren mit dem Handwerkszeug des Herren abreißen, der 1984 in dem von Dagmar Schultz herausgegebenen Sammelband: Macht und Sinnlichkeit. Ausgewählte Texte von Audre Lorde und Adrienne Rich. veröffentlicht worden ist.

Was bedeutet es, das Handwerkszeug des rassistischen Patriarchats zu benutzen, um die Konsequenzen desselben Patriarchats zu überprüfen? Es bedeutet, dass nur Veränderungen im allergeringsten Ausmaß möglich und erlaubt sind.

Als Frauen ist uns beigebracht worden, unsere Unterschiede entweder zu ignorieren oder sie als Gründe unserer Spaltung und unseres Misstrauens zu sehen, statt als Kräfte, die zu Veränderungen führen. Ohne Gemeinschaft gibt es keine Befreiung, nur einen sehr verletzbaren und kurzfristigen Waffenstillstand zwischen einer Einzelperson und ihrer Unterdrückung. Aber Gemeinschaft braucht nicht zu bedeuten, dass wir uns bemühen, unsere Unterschiede abzulegen, noch dass wir angestrengt vortäuschen, sie existieren gar nicht.

Diejenigen von uns, die in dieser Gesellschaft als nicht akzeptabel definiert sind, diejenigen von uns, die mittellos, lesbisch, Schwarz, älter sind, wissen, dass Überleben keine akademische Fähigkeit ist. (Es heißt lernen, allein dazustehen, unbeliebt und manchmal geschmäht. Es heißt herauszubekommen, wie mit anderen, die als außerhalb der Strukturen stehend identifiziert sind, gemeinsame Sache zu machen ist.) Es heißt lernen, zu unseren Unterschieden zu stehen und sie in Stärken zu verwandeln. Denn mit dem Handwerkszeug des Herren läßt sich niemals sein Haus abreißen. Sie mögen uns für kurze Zeit erlauben, ihn in seinem eigenen Spiel zu schlagen, aber sie werden uns nie erlauben, einen echten Wandel zu vollziehen. Und diese Tatsache ist nur für die Frauen bedrohlich, die immer noch das Haus des Herren als ihre einzige Quelle der Unterstützung definieren. […]

[Weiße Frauen sehen sich] der Versuchung ausgesetzt, sich dem Unterdrücker anzuschließen, weil er ihnen die Teilhabe an der Macht vortäuscht. Diese Möglichkeit existiert in der Form nicht für ‚women of Color‘. Die symbolischen Gesten des guten Willens, die uns manchmal mit einschließen, bedeuten kein Angebot, an der Macht teilzuhaben; unser anderes Aussehen ist eine sichtbare Realität, die das von vornherein klarstellt. Für weiße Frauen gibt es ein breiteres Feld vorgetäuschter Möglichkeiten und Belohnungen für die Identifikation mit patriarchaler Macht und ihrem Handwerkszeug.

[Für weiße Frauen ist es leichter], sich vorzumachen, sie müssten nur brav genug, hübsch genug, süß genug und still genug sein, den Kindern gutes Benehmen beibringen, die richtigen Leute hassen, die richtigen Männer heiraten, um mit dem Patriarchat in relativem Frieden koexistieren zu können, zumindest bis ein Mann ihren Job braucht oder bis ihnen der Vergewaltiger aus ihrer Nachbarschaft über den Weg läuft. Zugegeben, wenn du nicht in der Schusslinie liebst und lebst, vergisst du manchmal leichter, dass der Krieg gegen die Entmenschlichung immer weitergeht.

Aber Schwarze Frauen und unsere Kinder wissen, dass das Gewebe unseres Lebens mit Gewalt und Hass geflickt ist, dass es davon kein Ausruhen gibt. Wir begegnen ihnen nicht nur als Streikposten oder als Gestalten in dunklen Mitternachtsgassen oder dort, wo wir unseren Widerstand laut zu äußern wagen. Für uns ist Gewalt zunehmend mit dem Alltag verwoben – im Supermarkt, im Klassenzimmer, im Lift, in der Klinik und im Schulhof, sie kommt vom Installateur, vom Bäcker, der Verkäuferin, dem Busfahrer, dem Bankangestellten und von der Kellnerin, die uns nicht bedient.

Manche Probleme haben wir als Frauen gemeinsam, andere nicht. Ihr habt Angst, eure Kinder werden als Erwachsene dem Patriarchat angehören und gegen euch Stellung beziehen, wir haben Angst, dass unsere Kinder aus einem Auto gezerrt und auf der Straße erschossen werden, und dass ihr euch wegdreht und nicht wissen wollt, warum sie sterben. […]

Unser zukünftiges Überleben gründet sich auf unsere Fähigkeit, gleichberechtigt miteinander umzugehen. Als Frauen müssen wir verinnerlichte Verhaltensmuster der Unterdrückung in uns selbst mit der Wurzel herausreißen, wenn wir über die oberflächlichsten Aspekte sozialer Veränderung hinausgehen wollen. Jetzt müssen wir Unterschiede zwischen Frauen als Unterschiede zwischen Gleichberechtigten sehen, weder als Zeichen der Überlegenheit noch der Unterlegenheit, und Wege ausfindig machen, um unsere jeweiligen Unterschiede dazu zu nutzen, unsere Visionen und gemeinsamen Kämpfe zu bereichern. […] Die alten Verhaltensmuster, egal wie geschickt sie umfrisiert werden, um nach Fortschritt auszusehen, verurteilen uns zu nur kosmetisch veränderten Wiederholungen derselben alten Wortwechsel, derselben alten Schuldgefühle, desselben Hasses, derselben Vorwürfe, Klagen, Verdächtigungen.

Wir alle haben Erwartungen und Reaktionen in uns eingebaut, alte Strukturen der Unterdrückung, und diese müssen zusammen mit den Lebensbedingungen, die die Folge dieser Strukturen sind, verändert werden. Denn das Haus des Herren lässt sich niemals mit dem Handwerkszeug des Herren niederreißen. […] Revolutionärer Wandel richtet sich nicht in erster Linie gegen die repressiven Situationen, sondern gegen den Anteil des Unterdrückers, der tief in jedem von uns eingepflanzt ist.

– Audre Lorde, 1984