„Im Dunkeln Spielen“ – Toni Morrison

Im Jahr 1992 veröffentlicht die us-amerikanische Schriftstellerin und erste Schwarze Nobelpreisträgerin Toni Morrison eine literaturwissenschaftliche Essay-Sammlung mit dem Titel „Im Dunkeln Spielen – Weiße Kultur und literarische Imagination“ (im Original: „Playing in the Dark – Whiteness and the Literary Imagination“). Sie fordert in diesen Essays einen Perspektiv- und Blickwechsel in der Erforschung von Rassismus. Ihr Band gilt heute als ein Schlüsselwerk der akademischen Critical Whiteness Studies.

Im Dunkeln Spielen

Cover der deutschen Ausgabe, die 1994 erschienen ist.

Toni Morrisons Essay-Band „Im Dunkeln Spielen“ enthält drei Essays („Schwarze Angelegenheiten“, „Vom Schatten schwärmen“ und „Beunruhigende Krankenschwestern und die Freundlichkeit der Haie“), in denen die Autorin sich mit Klassikern der us-amerikanischen Literatur auseinandersetzt. Bereits im Vorwort bemerkt sie, dass die Leser_innen dieser Literatur, unabhängig von der race* der_des Autor_in, seit jeher als weiß angenommen worden sind. Dieser Umstand hat Einfluss auf jedes bis dato entstandene literarische Werk genommen, so Morrison. Wie genau sich dieser Einfluss bemerkbar macht, arbeitet sie in den drei enthaltenen Essays heraus. Als Richtlinien dienen ihr dabei die folgenden Fragen:

Welche Konsequenzen hat es in der von Rassenvorurteilen durchdrungenen Gesellschaft, die die Vereinigten Staaten sind, wenn das schreibende Ich als nicht rassengebunden und alle anderen als einer Rasse zugehörig herstellt werden? Was passiert mit der schriftstellerischen Imagination eines schwarzen Autors, der sich auf irgendeiner Ebene immer bewußt ist, daß er seine eigene Rasse (oder sich trotz seiner Rasse) einer Rasse von Lesern präsentiert, die sich selbst als «universell» oder rassenlos versteht? Mit anderen Worten, wie wird «literarisches Weißsein» und «literarisches Schwarzsein» erzeugt, und was ist die Folge dieser Konstruktion?

In diesen einleitenden Fragen steckt sehr viel von dem, was auch die Grundlage der Critical Whiteness Studies bildet. So beispielsweise die Annahme, dass Rassifizierungsprozesse nicht nur Auswirkungen auf die als „anders“ rassifizierten Personen, sondern auch auf die sich selbst für „universell“ haltenden, rassifizierenden Personen besitzen. Anders gesagt: Wenn ich jemanden zum „Anderen“ mache, dann liegen Ursache und Folge dessen nicht (nur) bei ihm, sondern (auch) bei mir.

Afrikanismus

Zunächst untersucht Morrison die Herstellung und Wirkungsweise „nichtweißer, afrikanerähnlicher“ Personen in der Literatur und bezeichnet diese künstlich geschaffene Präsenz als „Afrikanismus“. Afrikanismus ist für Morrison ein:

Begriff für die Bedeutung und für die Beiklänge des Schwarzseins, für das afrikanische Menschen heute stehen, sowie für die ganze Skala von Ansichten, Meinungen, Interpretationen und Fehlinterpretationen, welche die eurozentrische Lehre über diese Menschen begleiten.

Afrikanismus beschreibt demnach nicht wie afrikanistische Menschen sind, sondern wie weiße Menschen sich diese vorstellen und sie somit diskursiv erschaffen. Er funktioniert dabei zu großen Teilen über Projektionen. Die afrikanistische Person wird zum Schauplatz einer außergewöhnlichen Betrachtung über das eigene Ich, einer „kraftvollen Erforschung der Ängste und Wünsche, die im Bewußtsein des Schreibenden wohnen“. Die afrikanistische Erzählung offenbart Sehnsüchte, Schrecken, Bestürzungen, Scham und Großmut der Person, die sie erzählt. In diesem Zusammenhang spricht Morrison auch von einem „erfundenen Afrika“, wobei sich durchaus Parallelen zum Konstrukt des „Orient“ und dem von Edward Said geprägten Begriff des Orientalismus finden lassen. Die afrikanistische Erzählung verrät dabei stets mehr über die beschreibende Person als über die Beschriebene, wodurch Morrison ihre Ausgangsthese bestätigt sieht: Indem man die Entstehung und Funktionsweise der Afrikanismus, des „literarischen Schwarzseins“ untersucht, lässt sich gleichermaßen die Natur, wenn nicht gar Ursache des „literarischen Weißseins“ entdecken.

Vom Objekt zum Subjekt des Rassismus

Die ihrem Essay-Band vorausgegangene Rassismusforschung, so Morrison, hat sich auf die entsetzlichen Auswirkungen des Rassismus auf seine Objekte, also die rassistisch diskriminierten Personen, fokussiert. Eine wissenschaftliche Untersuchung seiner Subjekte, also der rassistisch diskriminierenden Personen, war bis dato im mit wenigen Ausnahmen ausgeklammert worden. Dabei ist Morrison der Überzeugung, dass gerade die Erforschung der Auswirkungen der Idee einer rassischen Hierarchie auf Nichtschwarze, die „diese Ideen vertreten haben oder ihnen widerstanden, sie erkundeten oder sie veränderten“ eine wichtige Ergänzung darstellt.

Die wissenschaftliche Forschung, die sich der Gedankenwelt, der Vorstellungen und des Verhaltens von Sklaven annimmt, ist wertvoll. Aber genauso wertvoll ist ein ernsthaftes intellektuelles Bemühen, zu erkennen, was Rassenideologie der Gedankenwelt, den Vorstellungen und dem Verhalten der Sklavenhalter antut.

Als Voraussetzung hierfür sieht sie zunächst einmal die Anerkennung, dass Literatur innerhalb einer rassistischen Gesellschaft niemals „universell“ oder raceless sein kann, sondern stets von politischen Bedeutungen durchzogen ist. Dies zu leugnen ist an sich schon rassistisch, so betont sie.

Rhetorische Säure über die Finger einer schwarzen Hand zu gießen, mag in der Tat die Fingerabdrücke zerstören, aber nicht die Hand. Außerdem, was geschieht bei diesem gewaltsamen, egoistischen Tilgungskult mit den Händen, den Fingern, den Fingerabdrücken dessen, der die Säure ausgießt? Bleiben sie säurefrei?

Ein literarisches Werk kann sich nicht von Rassismen freisprechen, nur weil keine afrikanistischen Personen darin vorkommen, lautet ihre vorläufige Schlussfolgerung. Denn Rassismus, so stellt sie im weiteren Verlauf ihrer Essays noch genauer heraus, wird nicht erst dann wirkungsmächtig, wenn eine rassifizierte Person den Schauplatz betritt. Er besitzt zwar ein Objekt und ein Subjekt, aber beide sind mit race durchdrungen und keines ist raceless oder gar „universell“.

Afrikanistische Erzählungen als Kontext für Weißsein

Obwohl auch Weißsein rassifiziert und ohne die direkte Präsenz von Schwarzsein vorhanden ist, benötigt das weiße Selbstbild die Imagination des afrikanistischen Anderen, um sich selbst zu definieren und als das zu bestätigen, als das es gesehen werden möchte. Aus diesem Grund werden Schwarze Gestalten in Erzählungen benutzt, um die Ziele der weißen Gestalten zu definieren und ihre guten Eigenschaften hervorzuheben, wie Morrison anhand zahlreicher Beispiele erläutert.

Der Afrikanismus ist das Vehikel, durch das sich das amerikanische Ich als nicht versklavt, sondern frei erfährt, als nicht abstoßend, sondern begehrenswert, nicht hilflos, sondern privilegiert und mächtig, nicht geschichtslos, sondern geschichtlich, nicht verdammt, sondern unschuldig, nicht ein blinder Zufall der Evolution, sondern fortschrittliche Erfüllung eines Schicksals.

Morrison spricht an dieser Stelle von der „parasitären Natur weißer Freiheit“. Gleichzeitig ermöglicht die literarische Erschaffung afrikanistischer Personen der_dem Autor_in, kulturell tabuisiertes und verbotenes darzustellen, in dem sie_er die tabuisierten Eigenschaften den afrikanistischen Person zuschreiben kann. Die afrikanistische Person ist somit zugleich Kontrastfolie und Spielwiese der weißen Person.

Die Notwendigkeit eines Blickwechsels

Mit ihrem Werk „Im Dunkeln Spielen“ will Toni Morrison mit dem Irrtum aufräumen, dass Rassismus erst durch die Anwesenheit rassistisch Markierter präsent ist und somit zur Sichtbarmachung einer scheinbar unsichtbaren, unmarkierten weißen Norm beitragen. In einer Schlussbemerkung zu ihrer Essay-Sammlung verdeutlicht sie dies mit den folgenden Worten:

Mein Projekt ist ein Bemühen darum, den kritischen Blick vom rassischen Objekt zum rassischen Subjekt zu wenden; von den Beschriebenen und Imaginierten zu den Beschreibenden und Imaginierenden; von den Dienenden zu den Bedienten.

Heute gilt ihr Werk als eines, welches, vor allem neben den Werken der Sozialwissenschaftlers und führenden Schwarzen Bürgerrechtlers W. E. B. Du Bois, eben diesen Richtungswechsel in der bestehenden Rassismusforschung miteingeleitet und somit maßgeblich zur Entstehung der akademischen Critical Whiteness Studies beigetragen hat.

*In der deutschen Übersetzung wird aus dem englischen Begriff race der deutsche Begriff „Rasse“ gemacht. Ich verwende in meinem Text, auf accalmies Anraten, jedoch weiterhin die englische Version. Danke an accalmie für den Hinweis!

Toni Morrison: Im Dunkeln Spielen – Weiße Kultur und literarische Imagination. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1995. Aus dem Englischen von Helga Pfetsch und Barbara von Bechtolsheim. 125 Seiten.

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