„Wir sind alle Charlie, aber keine Muslim_innen.“

Wer wissen möchte, wie Rassismus funktioniert, Feindbilder geschaffen und Zusammenhalt durch die Erfindung eines Sündenbocks gestiftet wird, braucht aktuell nur eine Zeitung aufzuschlagen oder den Fernseher anzuschalten. Denn die Debatten im Zusammenhang mit dem Attentat auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo veranschaulichen genau das mal wieder in all seinen Facetten.

“Nous Sommes Tous Charlie” – “Wir Sind Alle Charlie”. Doch wer gehört zu diesem “Alle”? Und vor allem: Wer nicht?

“Nous Sommes Tous Charlie” – “Wir Sind Alle Charlie”. Doch wer gehört zu diesem “Alle”? Und vor allem: Wer nicht?

Rassimus als Legitimationsstrategie

Seit der Aufklärung ist es westlichen Gesellschaften wichtig, sich selbst als fortschrittlich und gerecht zu sehen – und auch so gesehen zu werden. Dass in all diesen Jahrhunderten weiterhin Menschen (gerade von europäischer und us-amerikanischer Seite aus) ausgebeutet, ausgegrenzt und ermordet worden sind, passt da irgendwie nicht so ganz ins Bild. Also musste eine Begründung her.

Wenn Menschen anders behandelt werden, dann müssen sie auch anders sein, um diese Andersbehandlung rechtfertigen zu können. Gerade während des europäischen Kolonialismus und des transatlantischen Sklav_innenhandels ist deshalb versucht worden, auf die verschiedensten Arten nachzuweisen, dass es unterschiedliche Gruppen („Rassen“) von Menschen gäbe. Die rassistische Ideologie bemühte sich, den verschiedenen Menschengruppen unterschiedliche Eigenschaften zuzuschreiben: Die einen seien eher zu geistiger, die anderen zu körperlicher Arbeit geeignet, die einen zum beherrschen, die anderen zum beherrscht werden.

Rassimus macht demnach Menschen zu vermeintlichen Anderen. Dies geschieht zumeist in einem dreistufigen Prozess, den man auch am gegenwärtigen antimuslimischen Rassismus nachvollziehen kann.

1. Homogenisierung. Bestimmte Menschen werden (aus mehr oder weniger willkürlichen Gründen) zu einer vermeintlich einheitlichen Gruppe zusammengefasst. („Die Muslim_innen„.)

2. Polarisierung. Es wird davon ausgegangen, dass die so geschaffene Gruppe im Gegensatz zu einer oder mehreren anderen Gruppen steht. Sie gelten nicht nur als gegensätzlich, sondern auch als unvereinbar. („Die Muslim_innen“ vs. „Die westliche Kultur„.)

3. Hierarchisierung. Schließlich wird davon ausgegangen, dass die auf diese Weise geschaffenen Gruppen nicht nur gegensätzlich, sondern auch unterschiedlich viel Wert sind. Dies wird als Rechtfertigung dafür herangezogen, dass die eine Gruppe die andere Gruppe unterwerfen, ausbeuten und im extremsten Fall sogar vernichten darf. („Die Muslim_innen“ als Bedrohung für Demokratie und Menschenrechte.)

Wer sind eigentlich diese Muslim_innen™?

In der aktuellen Debatte wird mal wieder in jedem zweiten Satz von Den Muslim_innengesprochen, ohne dass dabei deutlich gemacht wird, wer mit dieser Bezeichnung eigentlich gemeint sein soll. IS-Terrorist_innen? Menschen, die Moscheen besuchen? Personen, die zu Allah beten, Ramadan feiern oder kein Schweinefleisch essen? Leute, die in muslimisch geprägten Ländern leben? Deutsche/ Französ_innen, deren Eltern einst aus muslimischen Ländern nach Deutschland/ Frankreich migriert sind?

Alle diese Menschen werden in einen einzigen großen Topf geworfen. Islam, Islamismus, islamistische Gewalt – alles das Gleiche? Alle Täter_innen sind Muslim_innen (sic!) und alle Muslim_innen Täter_innen (sic!)? Wie sonst ist es zu erklären, dass von muslimischen Verbänden gefordert wird, sich von dem Anschlag auf Charlie Hebdo sowie dem IS zu distanzieren? Oder dass das Cover der aktuellen Charlie Hebdo-Ausgabe eine (erneute) Karikatur Mohammeds enthält, der sich dort von dem Anschlag auf die Satire-Zeitschrift distanziert und sich solidarisch mit dem mitunter sehr rassistischen Magazin zeigt?

Die Unmöglichkeit des muslimischen Opfers

Was in all diesen Debatten zumeist unsichtbar gemacht wird, ist dass die meisten Opfer des islamistischen Terros Muslim_innen sind. Als die islamistische Terrorgruppe Boko Haram nur zwei Tage nach dem Attentat auf Charlie Hebdo 2.000 Menschen in Nigeria ermordete, blieb der Aufschrei aus. Dass einer der Ermordeten des Anschlags auf Charlie Hebdo, der aus Algerien stammende Mustapha Ourrad, selber Moslem gewesen ist, findet ebenfalls selten Erwähnung:

„Die zwei Attentäter in Paris hätten algerische Wurzeln gehabt, das ist in den Medien stets betont worden. Aber man muss doch auch sagen, dass Algerier wie Mustapha zu den Opfern zählen. Wir alle haben unter dem Terrorismus sehr gelitten.“ […] In der aufgewühlten Stimmung der letzten Tage […] wird zu oft vergessen, dass die meisten Opfer des islamistischen Terrors doch Muslime seien.

Doch der islamistische Terror schadet Muslim_innen weltweit noch in einer ganz anderen Weise. Und zwar indem er von westlichen Medien und Politiker_innen zur Befeuerung eines ohnehin bereits sehr bedrohlich ausgewachsenen antimuslimischen Rassismus benutzt wird. Migazin berichtet:

Seit den Terroranschlägen in Paris haben sich die antimuslimischen Vorfälle in Frankreich mehr als verdoppelt. Eine islamische Organisation in Frankreich zählte 28 Aktionen gegen muslimische Einrichtungen sowie 88 weitere Drohungen, die seit dem Attentat auf «Charlie Hebdo» am 7. Januar etwa in Briefen formuliert waren.

Wer berichtet über die Ängste, die Muslim_innen in Frankreich aufgrund dessen momentan mit Sicherheit durchstehen müssen? Was wird getan, um sie zu schützen?

Solidarität mit Betroffenen von Gewalt und Rassismus

Es ist möglich, den islamistischen Terror (auch) in Paris zu verurteilen und den Tod der Ermordeten zu bedauern, ohne den Rassismus des Satire-Magazins Charlie Hebdo in Schutz zu nehmen. Wir können für Meinungs- und Pressefreiheit einstehen und uns gleichzeitig gegen Rassismus aussprechen. Denn Rassismus sollte als das benannt werden, was er ist – auch wenn er im vermeintlich demokratischen Gewand daher kommt.

Es ist gefährlich, wenn in der westlichen Medienlandschaft das Bild „Muslim_innen = Islamist_innen = Terror = Bedrohung des „Abendlandes“ “ verbreitet wird. Denn das ist die Grundlage für PEGIDA-Demonstrationen mit 17.000 Teilnehmenden, Angriffe auf muslimische Einrichtungen und die Ermordung von Menschen, die nach rassistischen Kriterien als „Andere“ definiert werden.

Nicht nur Islamismus, sondern auch Rassismus sollte als Bedrohung für Menschenleben ernst genommen werden.

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5 Gedanken zu “„Wir sind alle Charlie, aber keine Muslim_innen.“

  1. Hm. Danke für deine Gedanken zur aktuellen Charlieplage. Ich würd gerne ein paar Gedanken hinzufügen:
    Da ich nicht genau weiß aus welcher Position heraus du schreibst, ist es nicht ganz einfach für mich die passenden Worte zu finden…mal schauen obs klappt.
    Deine Frage nach wer sind die Muslim_innen finde ich gut formuliert aber in der aktuellen Debatte auch wiederum insofern problematisch, dass vergessen wird, dass das was passiert ist nicht zwangsläufig aus der Rolle als Muslim passierte. Warum fragen wir nicht, welche Rollen die Täter sonst noch inne hatten? Es gab keinen Prozess, die wurden getötet…eigentlich wissen wir doch gar nichts! Warum fragen wir nicht, was generell in unserer Gesellschaft schief läuft und hören auf uns im Kreis um den Islam zu drehen? Ich hab das Gefühl es melden sich nun wirklich viele Leute zu Wort, aber k1 sagt wirklich was. Ich wünsche mir ein weg vom Muslim Thema, das handeln wir in unseren Communities aus…und hin zu einem Gesellschaftsthema. Dann sind nämlich auch wieder alle gefragt. Dann können wir darüber sprechen, wie es sein kann, dass die Bullen einfach alle abgeknallt haben, das es keinen Prozess gibt etc. Dann können wir darüber sprechen, was die Konsequenz von dem ganzen ist. Ein war, dass in England einem Algerier ein Auge ausgestochen wurde.

    • Danke für deine Worte. Verstehe ich dich richtig, dass du dafür plädierst, die Bearbeitung islamistischer Gewalt muslimischen Communities zu überlassen? Und sich als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft auf die Auswirkungen von Rassismus und globalen Machtverhältnissen zu konzentrieren?

      • irgentwie ja. also vor allem plädiere ich dafür, auf den eigenen tanzbereich zu achten. Muslim_innen schreiben sich seit Ewigkeiten die Finger zum thema antimuslimischen rassismus blutig, damit sie erhört werden…also würd ich vorschlagen da mitzulesen und daraus dann eben eigene aufgaben für sich abzuleiten um aktiv zu werden. nicht aber wieder über uns zu schreiben sondern einfach mal über sich selbst.

  2. Schöner Text! Auch mit war lange Zeit unwohl bei den ganzen „Je suis Charlie“ Bekundungen. Die gleichen Leute, die sich zuvor gegen Rassismus oder Hate Speech positioniert hatten, waren plötzlich Charlie. Das Attentat ist schrecklich keine Frage, aber deshalb ist eine Zeitung wir Charlie noch lange kein Held oder Vorbild in Sachen Meinungsfreiheit. Und ich finde es auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass dies eben kein Anschlag von „Muslimen“ gegen den Westen war, sondern Terroristen haben einen Anschlag gegen Menschen (unter anderem wie im Text schon geschrieben wurde, Muslime) verübt.

    Liebe Grüße ,
    Miria

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